Die "geschwinde fahrende Postkalesche"

Die Geschichte der Post an sich beginnt bereits am Ende der Spätantike, bzw. am Anfang des Frühen Mittelalters. In jener Epoche, deren Bild noch heute vor allem bestimmt ist durch Kriege und Katastrophen, was dieser Zeit, die auch die ersten Universitäten herausbrachte, nicht gerecht wird, hatte sich ein Wandel vollzogen – nicht allein auf politischer oder wirtschaftlicher, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Überall in den neu gegründeten Reichen entwickelten sich kleinere Regierungshöfe heraus, die untereinander im regen Austausch standen und zu diesem Zwecke ein ausgedehntes Botenwesen unterhielten, das ein lombardisches Geschlecht bereits im 15. Jahrhundert beinahe vollständig unter seine Kontrolle gebracht hatte. Der Name dieser Familie, Tasso, wurde später zu Taxis und ist bis heute ein Inbegriff des Postkutschenverkehrs auch in unserer Region, die jedoch bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges hinein von jedweder Anbindung an Botenstrecken ausgeschlossen worden war. Erst nach dem Ende der grausamen Kämpfe, als sich Wirtschaft und Handel wieder normalisiert hatten, keimte im Nürnberger Postamt unter der Leitung des Oberpostmeisters Gottfried Egger der Gedanke auf, eine neue Verbindung nach Leipzig einzurichten, die am 15. April 1683 erstmals von einem Postreiter bedient worden ist.

 

Die Organisation der damaligen Post, deren Bezeichnung sich übrigens vom italienischen Wort für „Posten“ ableitet, machte die Existenz diverser „Stationen“ notwendig, bei denen man die Pferde wechseln, oder aber einen neuen Postillion mit dem Schreiben auf den Weg schicken konnte, während sich der von den Strapazen der Reise ausgelaugte Kollege in eigens dafür eingerichteten Schlafräumen erholten konnte. Während die „reitende Post“ demnach das erste Kommunikationsmittel der Neuzeit darstellte, das Briefe und Urkunden schnell und zuverlässig vom Absender zum Empfänger brachte, machte der stetig wachsende Informationsaustausch zwischen Leipzig und Nürnberg nur kurze Zeit nach einer Eröffnung der Poststrecke den Einsatz sogenannter „Caleschen“ notwendig, die die Strecke von Nürnberg aus über Erlangen, Bayreuth und Münchberg nach Hof erstmals am 28. September 1686 befuhren. In Hof indes wartete eine weitere Kutsche der königlich-sächsischen Post, die die Sendung übernahm und weitertransportierte.

 

Es stellt sich nun natürlich die Frage, welche Institutionen notwendig waren, um diesen Betrieb aufrecht zu erhalten – immerhin benötigte die Kalesche für die 255 Kilometer lange Strecke beinahe 67 Stunden, was weder dem Kutscher, noch den Pferden oder gar den Fahrgästen zuzumuten gewesen wäre. Aus diesem Grund entwickelten sich die bereits erwähnten Stationen für die reitende Post zu sogenannten Relais-Plätzen weiter, an denen unter anderem aus eigens dafür gebauten Postställen ausgeruhte Pferde an die Kutschen gespannt werden konnten, während die Fahrgäste in aller Ruhe ihr Mittagsmahl genossen. Diese gesamte Prozedur sollte nicht länger als 30 bis 60 Minuten dauern, ehe man die Fahrt fortsetzte. Um den Komfort während der Reise selbst nicht missen zu müssen, gaben die Insassen der Kaleschen den Kutschern oder Wagenbesitzern einen kleinen Obolus, das „Schmiergeld“, um diese damit dazu zu bewegen, die Achsen und Lenkstangen immer gut zu fetten, damit wenigstens kein lästiges Quietschen oder Rattern entstand.

 

Auch ein Münchberg hatte man eine Wechselstation eingerichtet, die sich im „Unteren Gasthof“, später „Schwarzer Adler“ genannt, etablierte. Hier versahen der Wirt Pöhlmann und später sein Nachfolger Leukam das Amt des kaiserlichen Posthalters, woran noch heute ein doppelköpfiger Adler an der Straßenseite des mittlerweile einer anderen Nutzung zugeführten Bauwerkes in der Bahnhofstraße erinnert. Daneben mussten auch notwendige Arbeiten an Kutschen und Kaleschen ausgeführt werden, wozu sich ein Schmied in direkter Nachbarschaft zur Station niederließ: Johann Cunrad Zeitelhack war es, der Ende des 17. Jahrhunderts das Fachwerkhaisla errichtete. Eine schlechte Idee freilich schien seine Konzentration auf den Postverkehr nicht gewesen zu sein; immerhin zeugen die prachtvolle Fassade und barocke Holzdecken in zwei Räumen des Gebäudes bis heute von einem gewissen Wohlstand.

 

Der Verkehr entlang der Strecke nahm indes derart rapide zu, sodass man bereits 1697 beschloss, sie auszubauen und von nun an wöchentlich zwei Kaleschen auf die Reise zu schicken, die Münchberg mittwochs und sonntags nach Dresden, sowie am Montag und am Freitag nach Nürnberg verließen. Später kamen zur Kutsche auch noch ein berittener Eilbote und ein Paketdienst hinzu, was dazu führte, dass sich die Posthalterswitwe Magdalene Dorothea Kapp nach dem Tode ihres Ehemannes 1804 um alles in allem drei Postillione, einen Briefträger, elf Pferde und vier Kaleschen kümmern musste. Es mag sein, dass es der Umstand des wachsenden Betriebes gewesen ist, der letzten Endes Friedrich Kapp, Sohn der eben erwähnten Witwe, dazu brachte, die Posthalterei von der Unteren in die Obere Stadt zu verlegen, wo man sie im „Bayerischen Hof“, an der alten, extra für den Kutschenverkehr gebauten Straße etablierte. Nach dem letzten Stadtbrand von 1837, bei dem Kapp allein die Pferde vor dem Feuertode retten konnte, während er alles andere in den Flammen verlor, baute man die Station noch ein letztes Mal auf, ehe mit der Einweihung der Eisenbahn 1848 das Ende des Kutschenverkehrs begann.

 

Fortan konzentrierte man sich auf kleinere Karriolfahrten, die vor allem die abseits der Eisenbahn gelegenen Dörfer wie Zell, Sparneck und Weißdorf die Möglichkeit auf einen Anschluss an die weite Welt ermöglichen sollten. So bekam denn Sparneck noch 1886 einen eigenen Poststall, ehe 1890 auch Zell mit einer „Postomnibus-Verbindung“ aufwarten konnte. Auch diese beiden Routen jedoch legte man nach der Inbetriebnahme der Lokalbahn Münchberg-Zell ein für alle Mal still. Die Zukunft gehörte den schnaubenden Dampfrössern, die nicht allein schneller unterwegs waren (Kutschen erreichten eine Höchstgeschwindigkeit von 10 km/h), sondern auch mehr Personen transportieren konnten. So geschah es denn, dass sich langsam aber sicher eines der am besten ausgebauten Reise- und Transportsysteme in der Geschichte Deutschlands in kleinere, meist direkt der Regierung unterstellte Betriebe aufspaltete, während man überall die weniger wichtigen Stationen schloss, um Geld einzusparen.

 

 

Letzten Endes verschwand mit dem Abbruch des alten Poststalles in Hof 2012 auch das letzte Zeugnis aus dieser Zeit, in der eine Reise stets einem großen Abenteuer glich, von der Bildfläche, sodass heute nurmehr kleinere Spuren und Indizien entlang der alten Handelsstraßen Aufschluss geben über die „geschwinde fahrende Post-Calsche“, die einstmals auch in Münchberg Station gemacht hatte.