Das Haisla erzählt aus seiner Geschichte

Hallo! Schön, dass Sie sich kurz die Zeit nehmen, mir zuzuhören. Sie müssen wissen, dass zwar viele Menschen auf ihrem Weg durch die Stadt bei mir vorbeikommen, doch nur die wenigsten stehenbleiben – generell fällt mir auf, dass man sich heute immer seltener wirklich Zeit nimmt. In meiner Jugend war das anders, müssen Sie wissen:

Als ich 1702 gebaut wurde, hatte für Münchberg gerade eine neue Blütezeit begonnen. Die Bürger hatten sich immer mehr auf das Handwerk und die Weberei konzentriert und die anfangs überlebenswichtige Landwirtschaft nur noch nebenbei betrieben. Dort hinten, am Anger, standen die zugehörigen Scheunen, in denen man die notwendigen Gerätschaften einlagerte. Der Wohlstand kam unter anderem auch durch die Kutschverbindungen nach Nürnberg und Leipzig in unsere schöne Stadt – seit 1686 gab es eine Postverbindung, die gut sechs Jahre später von der „geschwinde fahrenden Kalesche“ bedient worden ist. Mein Bauherr war in den Anfangsjahren als Schmied für die Pflege der Wagen verantwortlich, die direkt nebenan, im Hotel „Schwarzer Adler“ anhielten und anschließend innerhalb von gut einer Stunde wieder auf Vordermann gebracht werden mussten. Es war eine schöne Zeit und ging ziemlich geschäftig zu.  

 

Allerdings hielt sie nicht allzu lange an: 1729 brach ein Feuer aus, das unsere Stadt beinahe komplett einäscherte – von den vielen Häusern mit Fachwerk bin allein ich übrig geblieben und musste, kaum waren die Schäden beseitigt, mit ansehen, wie preußische und österreichische Truppen die Gegend wie Heuschrecken überfielen. Der Krieg, der sieben Jahre dauern sollte, brachte von Neuem großes Leid über unsere Heimat: Teils lagerten bis zu 10.000 Soldaten innerhalb der Stadt, vernichteten Ernten, zerritten die Felder – und brachten Krankheiten mit sich. Erst 1763 waren die Kämpfe endlich vorbei und man konnte damit beginnen, sich wieder seines Lebens zu freuen. 1806 schließlich kam ein kleiner, dicklicher Mann an mir vorbei, der in einer seltsamen Sprache dahersäuselte. Mir war er ja gleich unsympathisch und tatsächlich erfuhr ich später, dass es sich dabei um den Franzosenkaiser Napoleon Bonaparte gehandelt hatte, der das ehemalige Markgraftum Bayreuth annektiert und vier Jahre später dem Königreich Bayern verkauft hat. Nun ja, ich kann nicht unbedingt sagen, dass es uns zu jener Zeit schlecht ging, aber die goldenen Jahre waren leider fürs Erste vorbei.

 

Nachdem 1837 ein weiteres Feuer ausgebrochen war – schlimmer noch, als jemals zuvor – rauften sich die Münchberger noch einmal zusammen und fingen ganz von vorne an: Die ersten Firmen wurden gegründet, die Eisenbahn brachte erneuten Wohlstand in unsere Stadt und ich träumte ein wenig vor mich hin. Bis schließlich 1889 Familie Meister eine Bäckerei in mir eröffnete – ich kann gar nicht sagen, wie viele Kinder auf ihrem Weg in die Schulen an mir vorbeiliefen und sich noch schnell etwas Süßes holten.

 

Es waren schöne Zeiten – doch nun muss ich ehrlich gestehen, dass ich nicht mehr das Jüngste bin: Nach gut 300 Jahren hat man einfach nicht mehr den jugendlichen Schwung von früher; ein Grüppchen von Bürgern der Stadt jedoch will mich wieder aufmöbeln und mir dabei helfen, auch in Zukunft hier zu bleiben und den Leuten zuzusehen, die an mir vorbeilaufen. Ich habe Kriege und Feuer überstanden; ich habe angesehen, wie Münchberg vielfältigen Katastrophen zum Opfer fiel und immer wieder gestärkt daraus hervortrat. Es wäre wunderbar, könnte ich die Stadt auch weiterhin auf ihrem Weg begleiten und Menschen, wie Ihnen, die sich die Zeit nehmen, einem alten Haus zuzuhören, aus ihrer eigenen Vergangenheit erzählen. Aber nun ist’s genug mit der Gefühlsduselei! Es hat mich sehr gefreut, dass ich mich mit Ihnen unterhalten konnte. Machen Sie’s gut – und schauen Sie gerne einmal in der Bahnhofstraße vorbei, wenn Sie in der Nähe sind. Ich bin eigentlich immer dort. Ade!