...in alten Ansichten

Seit über dreihundert Jahren ist das Münchberger Fachwerkhaisla ein fester Bestandteil der städtischen Kulisse. Auf den folgenden historischen Ansichten, die uns Klaus Foerster dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, sehen Sie, wie sich die Bahnhofstraße während der letzten knapp einhundert Jahre gewandelt hat - nur eine Konstante blieb dabei bestehen: Das Fachwerkhaisla.

Von 1900 bis 1910

"Da fehlt doch was?!" Die ältesten erhaltenen Ansichten stammen aus der Zeit der Jahrhundertwende und tatsächlich scheint das Fachwerkhaisla dabei etwas "anders auszusehen", als gewohnt: Es wird vermutet, dass man die historischen Strukturen um 1890 überputzte, ehe man um 1910 die Bretter anbrachte, die sich bis heute erhalten haben. Insofern liegen die tatsächlichen Holzbalken aus dem 18. Jahrhundert unter der Fassade, die man aktuell sehen kann.

Von 1910 bis 1920

Das Haisla hat in seiner langen Geschichte auch die dunklen Zeiten der deutschen Vergangenheit miterlebt: Diese Ansichten, die es bereits mit der charakteristischen (übrigens mit Ochsenblut gestrichenen) Fassade zeigen, stammen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Nachdem abertausende Soldaten ihr Leben in den imperialistischen Kämpfen verloren hatten, begann mit der Belle Epoque jene "Goldene Zeit" der 1920er Jahre, die für eine kurze Ära der Ruhe und des Friedens sorgte.

Von 1930-1950

Münchberg gehört zu jenen Städten, in denen die noch junge NSDAP bereits in den 1920er Jahren große Erfolge erzielen konnte; denn trotz der "Golden Twenties", während der Berlin im Charleston-Takt tanzte und Josephine Baker im Bananenrock für Aufsehen sorgte, ging es der oberfränkischen Wirtschaft miserabel, wodurch die stückweise Radikalisierung begann. Nach der Gründung von "Reichsbanner"-Truppen, also linken Verbänden, tauchten ab Mitte der 20er immer häufiger Hakenkreuzbinden auf den Straßen auf. Schon vor der Machtergreifung 1933 besaß Münchberg im Hotel Adler (direkt neben dem Haisla) eine Parteistelle der NSDAP, die "in allen politischen Belangen zu Rate gezogen" werden musste. Kurz darauf schuf man mit der Gleichschaltung des Stadtrats harte Fakten.

Von 1950 bis 1960

Die 1950er Jahren waren beides: Fluch und Segen für die Stadt. Segen, da man im Bugwasser des "Wirtschaftswunders" die letzte Blüte der Textilindustrie miterlebte und sich Münchberg unter Bürgermeister Max Specht der Moderne öffnete; Fluch indes, da im Rahmen teils vollends zielloser Baumaßnahmen die bis dato recht gut erhaltene Architekturstruktur nachhaltig zerstört worden ist. Im Gegensatz zu prachtvollen, gut integrierten Neubauten, wie der Stadtapotheke oder der Stadtsparkasse, die klar als Aushängeschilder des modernen Baustils gesehen werden können, gilt insbesondere die "Sanierung" des Kaufhauses Pock als tiefgreifender Einschnitt, der dem Gebäude nicht zum Besten gereichte. Auch das Fachwerkhaisla kam nicht um eine "Anpassung" herum: Durch den Einbau großer Ladenfenster zerstörte man die 250 Jahre alte Fassade zur Bahnhofstraße hin - bei einer aktuellen Begehung wurde das wahre Ausmaß dieser Eingriffe deutlich, da schwerwiegende Schäden am Balkenwerk entstanden sind, die im Rahmen der für 2019 geplanten Sanierung ausgebessert werden müssen. Einmal mehr also zeigt sich: Alte Häuser stehen nicht umsonst derart lange - manche Überlegung unserer Ahnen würde auch uns heute weiterhelfen. Anstatt für die Gegenwart zu bauen und alles zu "modernisieren", sollten wir lieber darauf achten, eben jene Besonderheiten historischer Architektur zu schützen, um davon zu lernen.